Silk Road Fashion: Kleidung als Kommunikationsmittel im 1. Jahrtausend v. Chr. in Ostzentralasien
  • Abb. 1: Deutsche und chinesische Wissenschaftler untersuchen einen Fellmantel aus Hami, Autonome Region der Uyguren Xinjiang, VR China. Foto: Joy Zhou, DAI.
  • Abb. 2: Karte der Autonomen Region der Uyguren Xinjiang mit Markierungen der sechs Fundplätze Sampula, Niya, Zaghunluq, Yanghai, Subeixi und Wupu. Karte: DAI
  • Abb. 3: Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung von Deutschem Archäologischem Institut, Chinesischer Akademie für Kulturerbe und dem Denkmalamt der Autonomen Region der Uyguren Xinjiang in Urumqi am 11.04.2013. Foto: Joy Zhou, DAI.
  • Abb. 4: Mann mit voller Ausstattung aus Yanghai, Turfan, Autonome Region der Uyguren Xinjiang, China, 11. Jh. v. Chr. Foto: Academia Turfanica, Turfan Museum.
  • Abb. 5: Rock aus Sampula, Khotan, Autonome Region der Uyguren Xinjiang, China, 1. Jh. v. Chr. Foto: DAI.
  • Abb. 6: Chinesische Wissenschaftler bei der Arbeit. Foto: Joy Zhou, DAI.
  • Abb. 7: Fellmantel aus Hami, Autonome Region der Uyguren Xinjiang, VR China. Foto: Joy Zhou, DAI.
  • Abb. 8: Kurs zur Restaurierung von archäologischem Leder an der Chinesischen Akademie für Kulturerbe, Peking. Foto: Joy Zhou, DAI.

Kleider machen Leute, aber sie überdauern nur selten die Jahrtausende. In Westchina ist das Klima so trocken, dass bei archäologischen Freilegungen von Gräbern Hosen, Röcke und Kaftane, Stiefel und Ledermäntel häufig vollständig geborgen werden können. Mit diesem Projekt strebt ein Verbund aus fünf deutschen Projektpartnern in Kooperation mit der Chinesischen Akademie für Kulturerbe und dem Denkmalamt Xinjiang (VR China) seit August 2013 die Rekonstruktion von Technik- und Körperwissen, Sozialstrukturen, Ressourcenverfügbarkeit und Handelsnetzen in Ostzentralasien ca. 1200 v. Chr. - 300 n. Chr. an. Methoden der Archäologie, Textil- und Lederforschung, Farbstoffanalyse, Ornamentkunde, Schnittanalyse, Paläopathologie, Vegetations- und Klimaforschung, Kulturanthropologie sowie Linguistik werden auf Bekleidung und Ausrüstung in Xinjiang angewandt.

Die ältesten Kleiderfunde in diesem Projekt stammen von der wenig bekannten indigenen Bevölkerung in den Regionen Turfan und Hami. Bei der Kleidung des 7.-3. Jh. v. Chr. könnte es sich um Hinterlassenschaften von lokalen oder auch zugewanderten mobilen Hirtengruppen handeln. Spuren der Xiongnu-Nomaden vermutet man in Funden des 3.-1. Jh. v. Chr. In den jüngsten Funden vom 1. Jh. v. Chr.-3. Jh. n. Chr. zeigen sich kulturelle Einflüsse von Zuwanderern und Durchreisenden aus China, dem Greco-Römischen Reich, Parthien, Sogdien, dem Kuschan-Reich in sakischen Stadtstaaten am Südrand des Tarim-Beckens.

Materialanalysen und Funddokumentationen tragen bei zur Entwicklung nachhaltiger Verfahren für den physischen Erhalt von Kulturerbe in Xinjiang und seiner virtuellen Verfügbarkeit weltweit. Die Aus- und Weiterbildung von chinesischen Restauratoren und die Produktion von Lehrmaterial haben einen besonders hohen Stellenwert.

 

Topographie
 
Geographie und Klima in der Fundregion

Das Relief dieser Region wird von zwei West-Ost streichenden Gebirgsketten und dazwischen liegenden Becken dominiert. Das Kunlun-Gebirge (max. 7723 m ü. M.) bildet die natürliche Südgrenze des Tarim-Beckens, das mit den ausgedehnten Dünenfeldern der Wüste Taklamakan gefüllt ist. Die Wüste hat eine Längenausdehnung von ca. 600 km und ist im Norden vom Tian Shan (max. 7439 m ü. M.) eingeschlossen. Die Abflüsse aus den Gebirgen sind die wichtigsten Wasserlieferanten. Das Klima der gesamten Region ist kontinental mit starken Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht sowie Sommer und Winter. In der Turfan-Senke liegt die mittlere Temperatur im Januar bei -9,5 °C und im Juli bei 32,7 °C. Die geringen Jahresniederschlagsmengen von 16 mm in Tufan und unter 50 mm in der Taklamakan (u.a. Wagner et al. 2011 und Verweise darin) sind Grund für die gute Erhaltung von organischem Material und natürlicher Mumifizierung. Bevorzugte Siedlungsgebiete waren die Quellgebiete zwischen dem Gebirgsfuß und den trocken-heißen Becken und die Flussoasen, von denen aus die Menschen sowohl Zugriff auf tieferliegende landwirtschaftliche Nutzflächen als auch auf die Hochweiden zwischen Wald- und Schneegrenze sowie die Jagdgründe in den Gebirgen hatten. Wie Paläoklimastudien und Experimente zur Klimamodellierung zeigen, hat sich die Landschaft und damit auch die Besiedelbarkeit Ostzentralasiens im 1. Jahrtausend v. Chr. erheblich verändert (u.a. Tarasov et al. 2006). Ein schwächer werdender Sommermonsun hat zur Abnahme des atmosphärischen Niederschlags bis auf den heutigen Stand geführt. Auch das fortschreitende Abschmelzen und Verschwinden der Hochgebirgsgletscher verringerte die Abflüsse in die Becken, die bewässerten Oasengebiete in den Flusstälern wurden kleiner, die Sand- und Schotterwüsten ausgedehnter. Intensive Desertifikation zwang schließlich zur Aufgabe der großen Siedlungen in der Taklamakan (u.a. Debaine-Francfort und Idriss 2001).

 

Forschungsgeschichte

Die Fundplätze, von denen das Studienmaterial stammt, sind unterschiedlich lange und in verschiedenen Phasen vom Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. bis zum Anfang des 1. Jahrtausend n. Chr. belegt worden.

Nach bisherigem Kenntnisstand hat das Gräberfeld Yanghai in der Turfan-Senke auf einer Fläche von ca. 54.000 m2 mit ca. 1400 Jahren die längste Belegungsdauer erlebt. Bei Prospektionen wurden in Yanghai ca. 3000 Gräber festgestellt, von denen seit 2003 insgesamt 531 Gräber freigelegt wurden. Die Ausgräber ordneten die Bestattungen aus typologischen Gründen in vier Phasen A-D, und nehmen als Alter für die Phasen A und B zusammen 12.-8. Jh. v. Chr., Phase C 7.-3. Jh. v. Chr. und Phase D 2. Jh. v. Chr.-2. Jh. n. Chr. an (Academia 2011). Am nördlich unweit von Yanghai gelegene Fundplatz Subeixi haben seit 1980 mehrfach Ausgrabungen stattgefunden, bei denen Gebäude in einer Siedlung und 75 Gräber in drei Gräberfelder untersucht wurden. Aufgrund von Radiokarbondatierungen wird für den gesamten Platz eine Laufzeit von 500 bis 300 v. Chr. angenommen (Gong et al. 2011), die dem jüngeren Teil der Phase C von Yanghai entspricht. Mit einer angenommenen Belegungszeit vom 15.-8. Jh. v. Chr. ist der Friedhof von Wupu in der Region Hami so alt wie die älteste Phase in Yanghai, eventuell  älter. Insgesamt 114 Gräber sind in mehreren Kampagnen, zuletzt 1991, freigelegt worden (Wang 1999). Der Bestattungsplatz Zaghunluq bei Qiemo am Südrand des Tarimbeckens wurde 1983 entdeckt. Bis 1998 wurden in mehreren Kampagnen ca. 160 Gräber von Archäologen dokumentiert. wird chronologisch von den Archäologen in Xinjiang zumeist mit Phase C in Yanghai und Subeixi korreliert. In zwei Grabungskampagnen, 1984 und 1992, wurden auf dem ausgedehnten Gräberfeld Sampula bei Khotan 68 Grabanlagen untersucht, von denen vier Massenbestattungen von mehr als 100 Individuen enthielten (Wang und Xiao 2001). Im Wesentlichen aus typologischen Gründen datierten die Ausgräber die Funde von Sampula in die Zeit von ca. 100 v. Chr. und 300 n. Chr. (Wagner et al. 2009). Niya gehört zu den befestigten Oasen-Staaten an einem Schmelzwasserfluss des Kunlun-Gebirges. Aus dem „Buch der Han“ ist Niya als Residenz des Königs von Jingjue zur Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) bekannt (Hulsewé 1979). Niya wurde 1901 von Aurel Stein entdeckt und 1906, 1913 und 1931 aufgesucht.  Das Museum Xinjiang und die Kulturbehörde Khotan haben den Platz mehrfach sondiert. Neben Gräberfeldern wurden Wohnbauten, buddhistische Kloster- und Tempelanlagen, Stupas, Straßen, Handwerksbetriebe, Bewässerungssysteme, Stadtmauern sowie Gärten und Felder entdeckt. Zwischen 1988 und 1997 legte ein chinesisch-japanischen Team Bestattungen frei (Zhong Ri 1999). Die am besten erhaltenen Bekleidungsfunde stammen vermutlich aus dem 1. bis 4. Jh. n. Chr.

Textile Funde aus Xinjiang sind international vor allem unter material- und fertigungstechnischen sowie ornamentkundlichen Aspekten untersucht worden. Im Mittelpunkt standen vor allem textile Techniken (u.a. Beck et al. 2014, Kramell et al. 2014, Zhao 2007, Wang und Wang 2010, Li 2006, Schorta 2001, Stauffer 2007), Farbstoffe (u.a. Liu et al. 2011) und Ornamente/Motive der Textilkunst (u.a. Wagner et al 2009, Bunker 2001). In chinesischer Sprache gibt es aktuelle technische Berichte zu Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen (u.a. CACH 2009).

 

Forschungsziele

Aus der Untersuchung der Ausstattungen von Individuen, ihrem klimatischen Umfeld und der Texte in Lokalsprachen werden in Qualität und Quantität beispiellose Primärdaten für die Geschichte des Wissens in Zentral- und Ostasien gewonnen. Wir erforschen Bekleidungstechniken in Xinjiang mit komparativer Perspektive. Einige der Innovationen, (z.B. die Erfindung der Hose), sind von globaler Bedeutung und bis heute aktuell. Sie zeigen, wie wichtig es ist, weltweit archäologische Daten auszuwerten und im digitalen Wissensspeicher allen Interessierten zur weiteren Verwertung zugänglich zu machen.
Für unsere chinesischen Partner liegt das praktische Ziel der Forschungen in der Entwicklung nachhaltiger Verfahren für den physischen Erhalt von Kulturerbe in Xinjiang. Die Chinesische Akademie für Kulturerbe organisiert unter Beteiligung deutscher Spezialisten (siehe Teilprojekt Konservierung und Restaurierung von archäologischem Leder) die Aus- und Weiterbildung von Restauratoren am Fundmaterial in China.

 

Projekt- und Kooperationspartner
  • Deutsches Archäologisches Institut, Eurasien-Abteilung, Außenstelle Peking; Naturwissenschaftliches Referat der Zentrale
  • Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte
  • Martin Luther Universität Halle-Wittenberg, Institut für Chemie, Bereich Organische Chemie
  • Freie Universität Berlin, Kunsthistorisches Institut, Ostasiatische Kunstgeschichte
  • Freie Universität Berlin, Institut für Geologische Wissenschaften, Fachrichtung Paläontologie
  • Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW), Turfanforschung
  • Chinesische Akademie für Kulturerbe
  • Denkmalamt der Autonomen Region der Uyguren Xinjiang

Projektförderung
 
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
 
Das Projekt ist Teil der Schwerpunktförderung „Sprache der Objekte“ des BMBF:
 

Ansprechpartner
 
Deutsches Archäologisches Institut, Außenstelle Peking der Eurasien-Abteilung, Im Dol 2-6 Haus 2, 14195 Berlin
 
Prof. Dr. Mayke Wagner (mayke [dot] wagner [at] dainst [dot] de), Leiterin des Projekts
Patrick Wertmann, M.A. (patrick [dot] wertmann [at] dainst [dot] de), Projektmanager
Dominic Hosner, M.A. (dominic [dot] hosner [at] dainst [dot] de), Datenmanager

 

Teilprojekte

 

Literatur
 
Academia Turfanica Xinjiang, Xinjiang Institute of Cultural Relics and Archaeology, Excavation on the Yanghai Cemetery in Shanshan (Piqan) County, Xinjiang. Kaogu Xuebao 2011, 1: 99-150.
 
Beck, U., Wagner, M., Li, X., Durkin-Meisterernst, D., Tarasov, P.E. The invention of trousers and its likely affiliation with horseback riding and mobility: A case study of late 2nd millennium BC finds from Turfan in eastern Central Asia. Quaternary International, http://dx.doi.org/10.1016/j.quaint.2014.04.056.
 
Bunker E.C., The cemetery at Shanpula, Xinjiang. Simple burials, complex textiles. In: Keller D., Schorta R. (ed.), Fabulous creatures from the desert sands. Central Asian woollen textiles from the second century BC to the second century AD (Riggisberger Berichte 10). Riggisberg: Abegg-Stiftung 2001: 15-45.
 
CACH 2009, Zhongguo wen hua yi chan yan jiu yuan [Chinesische Akademie für Kulturerbe], Tian yi you feng - Zhongguo gu dai fang zhi pin bao hu xiu fu lun wen ji [Göttliche Gewänder mit Nähten - Sammlung von Aufsätzen über die Konservierung und Restaurierung von antiken Textilien Chinas]. Beijing 2009.
 
Gong Y.W., Yang Y.M., Ferguson D.K., Tao D.W., Li W.Y., Wang C.S., Lü E.G., Jiang H.G., Investigation of ancient noodles, cakes, and millet at the Subeixi Site, Xinjiang, China. Journal of Archaeological Science 2011, 38: 470-479.
 
Hulsewé A.F.P., China in Central Asia: The early stage: 125 BC- AD 23. An annotated translation of chapters 61 and 96 of the History of the Former Han dynasty, with an introduction by M.A.N. Loewe. Leiden 1979.
 
Kramell, A., Li, X., Csuk, R., Wagner, M., Goslar, T., Tarasov, P.E., Kreusel, N., Kluge, R., Wunderlich, C.-H. Dyes of late Bronze Age textile clothes and accessories from the Yanghai archaeological site, Turfan, China: Determination of the fibers, color analysis and dating. Quaternary International, http://dx.doi.org/10.1016/j.quaint.2014.05.012.
 
Li W.Y., Yingpan 95BYYM15 hao mu chu tu zhi wu, fu shi de yan jiu yu bao hu [Erforschung und Konservierung von ausgegrabenen Textilien und Bekleidung aus Grab 95BYYM15, Yingpan]. In: Tulufan xue yan jiu [Turfanological Studies] 2006, 1: 84-95.
 
Liu J., Guo D., Zhou Y., Wu Z.Y., Li W.Y., Zhao F., Zheng X.M., Identification of ancient textiles from Yingpan, Xinjiang, by multiple analytical techniques. Journal of Archaeological Science 2011, 38: 1763-1770.
 
Schorta R., A group of Central Asian woollen textiles in the Abegg-Stiftung collection. In: Keller D., Schorta R. (ed.), Fabulous creatures from the desert sands. Central Asian woollen textiles from the second century BC to the second century AD (Riggisberger Berichte 10). Riggisberg: Abegg-Stiftung 2001: 79-114.
 
Stauffer A., Textilfunde aus Xinjiang - Herstellung und Kulturtransfer entlang der Handelsrouten an der Taklamakan. In: Wieczorek A., Lind Ch., Ursprünge der Seidenstraße: sensationelle Neufunde aus Xinjiang, China. Stuttgart 2007: 73-86.
 
Wagner M., Wang B., Tarasov P., Westh-Hansen S.M., Völling E., Heller J., The ornamental trousers from Sampula (Xinjiang, China): their origins and biography. Antiquity 2009, 83: 1065-1075.
 
Wang B.H., The ancient corpses of Xinjiang. Ürümqi 1999.
 
Wang B., Wang M.F., Zagunluke mao xiu [Wolltextilien aus Zaghunluq]. Wenbo 2010, 3: 77-85.
 
Wang B., Xiao X.Y., A general introduction to the ancient tombs at Shanpula, Xinjiang, China. In: Keller D., Schorta R. (ed.), Fabulous creatures from the desert sands. Central Asian woollen textiles from the second century BC to the second century AD (Riggisberger Berichte 10). Riggisberg: Abegg-Stiftung 2001: 47-78.
 
Zhao F., Sichou zhi lu: yi shu yu sheng huo [Silk Road: Arts and Life]. Shanghai 2007.
 
Zhong Ri., gong tong Niya yi ji xue shu kao cha dui [The Sino-Japanese Joint Research of the Niya Site], Zhong Ri gong tong Niya yi ji xue shu diao cha bao gao shu [The Sino-Japanese Joint Research of the Niya Site - Scientific report]. Urumqi 1999.

Autor

Mayke Wagner

Wie man diese Seite zitiert:

Bridging Eurasia , April 2015 , bridging-eurasia.org/de/node/295
Zugriff:22 Mai, 2017 - 21:33