Kleidung des 1. Jahrtausends v. Chr. in Xinjiang – Schnittentwicklung zwischen Funktionalität, Ästhetik und Kommunikation
  • Abb. 1: Träger der Wollhose mit voller Ausstattung vom Fundplatz Yanghai, Grab M21, Turfan, 11. Jh. v. Chr. Foto: Academia Turfanica, Turfan Museum.
  • Abb. 2: Karte der Autonomen Region der Uyguren Xinjiang mit Markierung des Fundplatzes Yanghai im Nordosten der Turfan-Senke. Karte: D. Hosner.
  • Abb. 3: Vorderansicht der Wollhose vom Fundplatz Yanghai, Grab M21. Zeichnung: U. Beck; Foto: M. Wagner.
  • Abb. 4: Schnitteile und Maße der Wollhose aus Grab M21, Fundplatz Yanghai. Zeichnung: U. Beck.
  • Abb. 5: Herstellungsphasen der Wollhose aus Grab M21, Fundplatz Yanghai. Zeichnung: U. Beck.

Zentraler Bestandteil des deutsch-chinesischen Verbundprojekts „Silk Road Fashion“ ist die Aufschlüsselung von Schnitten einzelner Bekleidungsstücke, die aus einem etwa 1500 Jahre langen Zeitraum von ca. 1200 v. Chr. bis 300 n. Chr. stammen.

 

In der Vorbereitungsphase zum Projekt „Silk Road Fashion“ wurde das Potential von Schnittstudien an zwei Hosen vom Fundplatz Yanghai, Turfan, geprüft.

 

Forschungsgeschichte

Die untersuchten Hosen stammen aus den Gräbern M21 und M157 vom Fundplatz Yanghai, welcher in den frühen 1970er Jahren am Südhang der Flammenden Berge, Region Turfan, entdeckt wurde. Seit dieser Zeit konnten in Kooperation zwischen dem Archäologischen Institut der Autonomen Region der Uyguren Xinjiang und der Kulturverwaltungsbehörde der Region Turfan bis 2003 mehr als 500 Gräber freigelegt werden, die sich auf insgesamt drei benachbarten Feldern verteilen (Gräberfeld I-III). Das gesamte Gräberfeld, welches sich über ein Gebiet von ca. 54.000 m2 erstreckt, wurde etwa seit dem 12. Jh. v. Chr. bis in das 2. Jh. n. Chr. genutzt. Rettungsgrabungen mussten aufgrund von Beraubung und Großbauprojekten besonders in den Jahren 1987 und 2003 durchgeführt werden.

Die Funde umfassen unter anderem eine Vielzahl an Gegenständen des alltäglichen Bedarfs (Gefäße, Spindeln, Kämme, Feuerbohr-Sets, etc.) sowie Waffen und Werkzeugen (Reflexbögen, Pfeile, Köcher, Messer, Äxte, etc.) aus Keramik, Holz und Bronze. Zudem beinhalteten die Gräber Zaumzeug und Textilien aus Leder und Wolle.

Grab M21 wurde im südlichen Bereich des Gräberfeldes I freigelegt. Ein darin bestatteter Mann von etwa 40 Jahren war aufgrund des extrem ariden Klimas natürlich mumifiziert worden. Seine Haut, Haare und Kleider waren zum Zeitpunkt der Freilegung in einem guten Erhaltungszustand. 41 Beigaben aus Bronze, Holz, Gold, Stein, Muschel, Leder und Wolle wurden dokumentiert. Unter den Funden befand sich eine Trense aus Leder neben dem Kopf des Verstorbenen, die mit bronzenen Ornamenten verziert und an einem Holzstab befestigt war.

In Grab M157, Gräberfeld I, wurde ein etwa 41-jähriger Mann bestattet. Zu seinen Beigaben gehörten eine Peitsche, ein verzierter Pferdeschwanz, ein Bogen und eine dazugehörige Bogentasche.

 

Forschungsziele

Folgende Fragen konnten im Rahmen dieses Forschungsprojekts beantwortet werden:


1. Welches Schnittmodell wurde für die Fertigung der beiden Hosen aus den Gräbern M21 und M157 vom Fundplatz Yanghai verwendet?
2. Wann und warum wurde die Hose erfunden? Wer hat sie gemacht und getragen?

 

Forschungsergebnisse

Die Untersuchung und Rekonstruktion der beiden Hosen vom Fundplatz Yanghai, Turfan, zeigt, dass diese aus drei Teilen bestehen, zwei Beinstücken und einem gestuften Zwickel, die separat auf einem Webstuhl hergestellt wurden. Die einzelnen Teile wurden mit großer Weite im Schritt zusammengenäht, so dass der Trägers größere Bewegungsfreiheit beim Sitzen auf dem Pferderücken hatte.


Die vom Radiokarbon-Labor in Poznan, Polen, durchgeführten 14C-Datierungen ergaben ein Zeitintervall vom 13. bis 10. Jh. v. Chr. als Zeitraum der Fertigung der frühesten Hosen. Diese Ergebnisse sowie das den Verstorbenen mit ins Grab gegebene Zaumzeug und typische Waffen von Reiterkriegern belegen die Vermutung, dass die Hosen zu einer Zeit gefertigt wurden, in der in den Steppen Eurasiens die ersten Gruppen berittener Krieger auftauchten. Sie waren eine Folge der komplexen sozialen, landschaftlichen und klimatischen Veränderungen des späten zweiten und frühen ersten Jahrtausends v. Chr. Die Hosen aus Yanghai sind somit deutlich älter als die bisher bekannten Skythen-Hosen aus dem Altai-Gebirge und alle anderen derzeit bekannten Hosen aus Asien und Europa. Die Untersuchungen bestätigen ferner die Hypothese, dass die Entwicklung des Hosenschnittes, so wie er heute bekannt ist, eng mit dem Beginn des „beruflichen“ Reitens für militärische Dienste verbunden war. Bevor sie ein Massenprodukt wurden, waren Hosen zuerst eine Art Uniform für die sich formierende soziale Klasse der berittenen Krieger in Diensten ihrer Gemeinschaften und die militärische Elite.


Durch die Erfindung der Hose war ihr Träger den neuen Herausforderungen gewachsen, die das Reiten weiter Strecken und das Kämpfen auf dem Rücken des Pferdes an sie stellten. In gewisser Weise trug sie so zur Steigerung von Mobilität auf dem eurasischen Kontinent bei.

 

Projekt- und Kooperationspartner
  •     Deutsches Archäologisches Institut, Eurasien-Abteilung, Außenstelle Peking
  •     Freie Universität Berlin, Institut für Geologische Wissenschaften, Fachrichtung Paläontologie
  •     Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Chemie, Bereich Organische Chemie
  •     Museum der Region Turfan, Xinjiang

 

Projektförderung

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Das Projekt ist Teil der Schwerpunktförderung „Sprache der Objekte“ des BMBF:
http://www.bmbf.de/de/21609.php
http://www.bmbf.de/press/3500.php
 

Ansprechpartner
 
Deutsches Archäologisches Institut, Außenstelle Peking der Eurasien-Abteilung, Im Dol 2-6 Haus 2, 14195 Berlin
 
Ulrike Beck, Dipl.-Des. (ulrike [dot] beck [at] dainst [dot] de)
Prof. Dr. Mayke Wagner (mayke [dot] wagner [at] dainst [dot] de)

 

Übergeordnetes Projekt

 

Literatur

Autor

Mayke Wagner

Wie man diese Seite zitiert:

Bridging Eurasia , Juli 2015 , bridging-eurasia.org/de/node/332
Zugriff:20 September, 2017 - 13:15