Fernheirat im Hauptstadt-Museum
  • Hauptstadt-Museum (Capital Museum). Foto: M. Wagner / DAI.
  • Eingang zur Sonderausstellung „Harmonious Life: The State of Ba in the Eyes of a Yan Princess“. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Poster zur Sonderausstellung mit Vortragsankündigungen. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Titel-Szene. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Einleitung zum ersten Kapitel: “Heirat: Festigen der Beziehungen zwischen zwei Familien“. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Rekonstruktion des Grabs Nr. 1 mit lackierten Holzskulpturen. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Restaurierte Holzskulptur. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Im Block geborgener Lacktisch mit drei eingerieften Schalen. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Restaurierter Lacktisch. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Blick auf die Vitrinen mit rekonstruierten Lackgefäßen. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Bronzeschüssel mit hohlem Sockel. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Klöppel-Glöckchen im Sockel. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Lichtfenster mit Vers aus dem „Buch der Lieder“. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Epilog. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Ausgang durch den künstlichen Bambushain im Untergeschoss … Foto: M. Wagner / DAI.
  • … bis zum natürlichen Bambushain vor dem Seitentor. Foto: M. Wagner / DAI.
  • Umschlag eines chinesischen Buches zur Entdeckung des Reiches Ba. Die Ausgrabung und die wichtigsten Funde werden vorgestellt. ISBN 978-7-203-07875-3, Preis: 50 Yuan. Foto: M. Wagner / DAI

Das Hauptstadt-Museum (Capital Museum) Peking zeigt noch bis 7. Oktober 2014 eine außergewöhnlich ästhetische Sonderausstellung von archäologischen Funden aus dem 10. Jahrhundert v. Chr. Titel:  „Harmonious Life: The State of Ba in the Eyes of a Yan Princess“, Leihgeber: Museum Shanxi, Archäologisches Institut der Provinz Shanxi. Restauratoren: Zentrum für Restaurierung des Archäologischen Instituts der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, Ausstellungsgestalter: Hauptstadt-Museum.

 

 

An jedem Tag des Jahres werden in China überraschende Dinge aus alter Zeit bei Bauarbeiten und archäologischen Ausgrabungen entdeckt. Nur wenige Funde aber werden so gut restauriert und präsentiert wie diese Ausstattung und Beigaben aus dem Grab einer Prinzessin des Reiches Yan, die an das Königshaus von Ba verheiratet wurde. Yan ist heute Peking und Ba die Provinz Shanxi. Kein Wunder also, dass das Hauptstadt-Museum eine vor 3000 Jahren in der Fremde verstorbene Pekingerin mit so viel Glanz und Sorgfalt ehrt.

 

Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt für Archäologen und Historiker an dieser Fernheirat ist die Entdeckung des Reiches Ba. In den bekannten klassischen Texten wurde es nicht erwähnt. Erst durch die Ausgrabung von Bronzegefäßen mit Inschriften, die das Zeichen ba enthalten, erfuhren die Historiker von der Existenz dieses Reiches. Es war eines der vielen kleinen Lehnsstaaten, die auf Geheiß des Königs der Westlichen Zhou-Dynastie (1046 - 771 v. Chr.) von einem seiner Verwandten gegründet und regiert wurden.

 

Zu entdecken gibt es in dieser Ausstellung viel. Ich empfehle einen genaueren Blick in folgende Vitrinen:

Die 120 cm hohen Holzskulpturen. Zum ersten Mal wurden nördlich des Gelben Flusses so große Plastiken aus dieser Zeit gefunden. Weil sie mit Lackschichten überzogen waren, haben sich die Holzkerne zumindest soweit im Löss-Boden erhalten, dass die Figuren bei der Ausgrabung im Block mit dem Boden in einer großen Holzkiste geborgen werden konnten. Im Labor haben Restauratoren sie freipräpariert und gefestigt. Holzobjekte bleiben im Löss nur ganz selten erhalten. Dies hier ist ein unerhörter Glücksfall.

Lacktische. In den Wandvitrinen rings um die Skulpturen werden die Blockbergungen von kleinen Serviertischen, Gefäßen und einer Tierfigur aus lackiertem Holz gezeigt. Ihre ursprüngliche Form ist erkennbar, aber sie haben sich bereits unlösbar mit dem Erdreich verbunden. Deshalb hat man Nachbildungen angefertigt, die gegenüber in freistehenden Vitrinen gezeigt werden.

 

Bronzeschüssel auf Sockel. Diese Schüssel im letzten Raum der Ausstellung hat eine technische Raffinesse, die nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. In ihrem hohlen Sockel hängt ein Klöppel-Glöckchen. Das sieht man nur, wenn man auf den Spiegel unter der Schüssel achtet. Wenn den Ahnen darin Speisen gereicht wurden, ertönte ein leises Klingeln, um sie aufmerksam zu machen.

 

Die Hauptthemen in jedem Ausstellungsraum werden auch in Englisch präsentiert. Für unbedarfte Ausländer gibt es einprägsame Schlagworte wie „Opfer-Zeremonie: ein wichtiges Staatsereignis“. Die vielen Auszüge aus den alten Texten wie dem „Buch der Lieder“ sind modern eingesetzte Mittel der Gestaltung von Wänden und Vitrinen. Nicht nur klassisch gebildete Chinesen und Sinologen haben daran ihre Freude. Gedruckt auf Handteller großen Karten werden sie unter Lichtfenstern in Gestalt des prominentesten Objekts in jedem Raum zum Mitnehmen, z.B. als Lesezeichen angeboten. Für Großeltern, die ihre Enkel auf den Armen von Vitrine zu Vitrine tragen und ihnen andächtig die Namen der Gefäße und Texte der Inschriften vorlesen, werden die schwierigen alten Schriftzeichen in einfachen und gut bekannten Zeichen transkribiert. So kann sie jeder aussprechen.

 

Die Harmonie im Titel der Ausstellung nimmt der Epilog an der Wand neben dem Fernsehschirm nochmal auf. Eine ideale Welt wird im „Buch der Riten“ beschrieben, wie sie unter den Zhou-Königen bestanden haben soll: … fähige Leute werde in öffentliche Ämter gewählt, … Frieden und Vertrauen zwischen allen Menschen sind die Maximen des Lebens, … es gibt Arbeit für die Erwachsenen und Nahrung und Bildung für die Kinder … Konfuzius hatte sie seinen kriegerischen Zeitgenossen ein halbes Jahrtausend später als Vorbild hingestellt. Die Besucher der Ausstellung nehmen dieses klassische Ideal mit in ihren Alltag der Belastungen, Widersprüche, Sehnsüchte und Chancen.


Für alle, die sich für die Wurzeln der chinesischen Zivilisation interessieren, und dafür,  wie das moderne China mit dem alten umgeht, ist diese Ausstellung der ideale Einstieg. Vorkenntnisse nicht erforderlich.
Wer sich kurz über die Zhou-Dynastie informieren will, lese nebenstehenden Text (pdf) aus den Unterrichtsmaterialien zur Ostasiatischen Archäologie, Heft „Chinas Große Mauern“.

 

 

Das Museum ist geöffnet Dienstag bis Sonntag 09:00-17:00 Uhr, letzter Einlass 16:00 Uhr. Montag geschlossen. Online-Reservierung von Tickets ist empfohlen wenn großer Besucherandrang zu erwarten ist, aber nicht unbedingt nötig. Der Eintritt zur Sonderausstellung und den Dauerausstellungen ist kostenfrei.

http://www.capitalmuseum.org.cn

http://en.capitalmuseum.org.cn/Visiting/Visiting.htm

Autor

Mayke Wagner

Wie man diese Seite zitiert:

Bridging Eurasia , Juli 2015 , bridging-eurasia.org/de/node/335
Zugriff:19 Januar, 2018 - 20:46